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Just Do it! Manchmal wäre ich gerne eine Nike-Werbung,

Mit der Energie und mir ist das so eine Sache. Wir haben uns mit den Jahren auseinandergelebt. Meine Mutter behauptet standhaft, ich wäre eine ADHS Kind ohne Ritalin gewesen. Ich benötigte nur fünf Stunden Schlaf und bin dann wie ein rosa Duracell Hase durch die Gegend gehopst. Die Schule ist mir als eine nicht endend wollende Zeit der Langeweile im Gedächtnis geblieben. Hätte man mich vor 20 Jahren gefragt, was der absolut horrorverdächtigste Gemütszustand ist, ich hätte „Langeweile“ geantwortet.  Diese Tage, wenn sich die Zeit wie Kaugummi zog und man gar nicht abwarten konnte, älter zu werden, durch die Welt zu reisen und die Weltherrschaft zu übernehmen. Auch im Studium gehörte ich zu der Sorte: „Fertig, was kommt jetzt als nächstes?“ Ich hatte drei Jobs, zeitweise zwei Freunde (einer schien mir wirklich nicht ausreichend) und war doch recht häufig auf der Tanzfläche anzutreffen. (Song 2 bringt mich heute noch dazu aufzuspringen und nach einer anderen Schulter zu suchen, die ich anrempeln kann.) „Burn out“ hielt ich für ein sehr perfide Marketing-Idee der Pharmaindustrie.

Und dann kam Ole.

Ganz offensichtlich benötige ich weitaus mehr Schlaf, als ein Säugling. Da der kleine Mann beschloss, jede Nahrung, außer meiner zu verweigern, stillte ich geschlagene 20 Monate und schlief in dieser Zeit nie länger als 1,5 Stunden. Lasst Euch gesagt sein: Schlaf kann gar nicht genug überbewertet werden. Ich bin heute noch vollends damit beschäftigt den Defizit auszuschlafen. Momentan bin ich froh, wenn ich meinen einen Job neben dem Kind noch auf die Reihe kriege und ja eine Beziehung reicht mir auch.

In diesem Zustand lerne mich Moritz kennen. Vermutlich hatte ich ein kurzes Energiehoch während der Anfangsphase (Hormone sollen ja einige Dinge bewirken), aber das Hoch verschwand irgendwann und übrig blieb eine Marie, die sich ab 21 Uhr nur noch das Sofa wünscht. Als Moritz mich am Anfang unserer Beziehung nach meinen Hobby fragte, sagte ich Eichhörnchen. Das klang irgendwie niedlich und bot einen gewissen Spielraum. Er ist mittlerweile dahinter gekommen, dass ich mich nicht durch die Wälder Brandenburgs robbe, sondern „Eichhörnchen“ mein Code-Wort für das Sofa ist.

Das Sofa ist meine Tanzfläche. Ich kann dort stundenlang sitzen, in den Garten sehen, (und nein, ich denke nicht darüber nach, was man noch alles machen kann) und ja, Eichhörnchen beobachten. An guten Tagen schaffe ich es, den Weg in die Küche aufzunehmen und mir einen Tee zu machen. Meistens macht das Moritz. Und okay, es ist auch eher Rotwein.  

Moritz wiederum ist in meiner Säuglingsphase. Er macht die Augen auf, greift zum Handy, um zu sehen, was er während des Schlafes verpasst hat, joggt unter die Dusche, liest dem Sohnemann noch beschwingt etwas vor, ist dann mal eben kurz im Marketing unterwegs und Abends macht er noch ein Restaurant. Is klar. Manchmal erwische ich mich, wie ich versuche im Baldrian in den Espresso zu mischen. Ich würde auch zu härteren Methoden greifen. Sollte Moritz irgendwann mal den Satz „Ich bin so kaputt“ sagen, werde ich mir ein Hobby suchen. Versprochen.

Seit Neuestem starten die Energie und ich aber wieder Annäherungsversuche. Vielleicht liegt es daran, dass Ole eingesehen hat, dass Lachs als Lebensmittel auch nicht zu verachten ist. Auch der Satz: „Im Schlaf wächst du“ bewirkt wahre Wunder. Vielleicht färbt etwas von Moritz auf mich ab, oder aber die Eichhörnchen sind nach vier Jahren Beobachtung genug erforscht. Zugegeben, ich sitze immer noch auf dem Sofa, jetzt aber mit Internetanschluss. Es gibt nämlich so ein paar Dinge, die ich gerne erledigen würde. Und zwar jetzt gleich. Also auf ins rosa Hasenkostüm.  

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I miss you like crazy,

Ich bin heute morgen ohne ein „Mama“ aufgewacht. Ja, ich habe durchgeschlafen und musste heute nicht um halb sieben raus. Aber es gab eben auch kein „Mama“.

Tage, an denen der Sohnemann beim Papa ist, sind seltsam. Es ist so, als ob ich mit nur einem Bein, einem Arm und mindestens einem fehlenden Ohr durch die Welt laufe und kein Mensch bemerkt etwas. Keiner sieht, dass mir sehr essentielle Teile meines Körpers abhanden gekommen sind. Man grüßt mich nett, gibt mir Café und geht weiter. Ich finde das irre. Es sind Tage, da würde ich mir am Liebsten ein „Ich bin Mama“ Shirt anziehen. Wenn ich andere Mütter mit Kindern sehe, muss ich mich zusammenreißen, um mich nicht neben sie zu setzen und in ein „Ich bin eine von Euch“ Gespräch zu verfallen. Ja, ich würde in diesem Zustand auch über Windeln reden. Ehrlich. 

Manchmal lasse ich sogar den Kindersitz auf meinem Rad. Als letztes Erkennungszeichen. Ich weiß, es ist fies und idiotisch. Ich sollte mich über meine freien Abende freuen. Und das mache ich auch. Wirklich. Ich bin ganz unbedingt für freie Abende, ausschweifende Wein-Gelage, Sex bis zum Morgengrauen und Kino. Aber kann das Kind nicht trotzdem da sein? Friedlich im Zimmer nebenan schlafen und morgens ein „Mama, ich hab dich lieb“ flüstern. Ich würde auch mit Kater aufstehen und Kindercafé machen. Für mich ist mein Sohn so sehr Teil von mir, dass mein anderer Teil ein bisschen frei dreht, wenn er nicht da ist.

Ich liebe es, meine Nase nachts an seinen Hals zu halten und die letzten Babygerüche zu riechen. Wenn er sich abends an mich schmiegt und ich ihm zwei Bücher vorlese. Das Zucken, wenn er einschläft. Das langsame wach werden, wenn er schon mitten im Spiel ist, und mit seinen Autos um mich rum fährt. Das Leuchten in seinen Augen, wenn er mir beim Abholen in die Arme läuft. Und alle klitzekleinen Schattierungen von „Mama“. Bedingungslose Liebe ist ganz großartig.