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Warum Kinder KEINE Karrierekiller sind

Irgendwann habe ich aufgehört Artikel mit der Überschrift „Kind als Karrierekiller“ zu lesen. Diese wunderbaren journalistischen Erzeugnisse bedienen sich alle demselben Tenor: Hast du ein Kind, kannst du es mit der Karriere vergessen. Man zitiert munter Statistiken von DAX-Unternehmen, in denen die Frauenquote im Allgemeinen sehr düster, die Quote von Müttern quasi nicht messbar ist.

Und ja, es stimmt. Bisher gibt es fast keine glorreichen Beispiele von Manager-Müttern. Nur um Familienministerin zu werden, muss man mit einer „echten“ Familie aufwarten, sollte diese dann unter dem politischen Druck leiden, ist dies zwar bedauerlich, aber kein Grund frühzeitig das Handtuch zu werfen.

Als neuer Ausweg aus der Misere wird gerade überall die Selbstständigkeit beschworen. Die sogenannten Mompreneurs sind die neuen Helden. Es gibt kaum eine Zeitschrift, die dieses Thema nicht freudig aufnimmt. Die Selbstständigkeit als Retter der Karriere trotz Kind. Halleluja. 

Prinzipiell finde ich diese Entwicklung richtig. Erstens, weil endlich ÜERHAUPT darüber geredet wird, dass Mütter auch Karriere machen können bzw. wollen. Und zweitens, weil es ja tatsächlich so ist, dass, dem Internet sei dank, die Selbstständigkeit im Homeoffice mit Kind, Kita und Kinderkrankheiten möglich ist.

Trotzdem ist die Diskussion zu kurz gefasst. Es ist nämlich sehr wohl möglich, Karriere mit Kindern in einer Festanstellung zu machen. Nur, diese Karrieren orientieren sich meist nicht an dem klassischen Muster: Die Arbeitnehmerin bleibt im Unternehmen und arbeite sich über Zeit hoch, bis sie im oberen Management angekommen ist. Mit diesem Modell wirft die Geburt des Nachwuchses einen tatsächlich meist ordentlich zurück. Und während man mit der Aufzucht der Kinder beschäftigt ist, klettert der junge, dynamische Kollege von nebenan eine Stufe höher. Das Resultat dieses Karrierewegs ist bekannt: Abwarten. Viele Frauen warten lieber mit dem Nachwuchs. Sie machen erste Karriere und bekommen dann Kinder. Das Durchschnittsalter von Müttern bei der Geburt ihres ersten Kindes steigt stetig

Ich habe meinen Sohn mit 28 bekommen. Meine Karriere sah bis dahin so aus: Ein ziemlich guter Uniabschluss, ein Stipendium zur Promotion und eine freie Anstellung als Journalisten für einen Blog. Anders gesagt: Blutige Berufsanfängerin. Vermutlich bin ich mit unfassbarer Naivität gesegnet, aber mir ist nie in den Sinn gekommen, dass mein Kind ein Karrierekiller sein könnte.

Warum? Die Prägung war’s. Meine Mutter war 23 als ich geboren wurde. Sie war Krankenschwester, mein Vater Student. Heute ist sie Mitte Fünfzig und führt eine erfolgreiche Buchhandlung. (Jaja, die Selbstständigkeit…) Die aktuelle ZEIT (27.02.2913) greift diesen Trend der Spätgründung aktuell in ihrem Artikel „Da geht noch was“ auf, und zitiert eine Studie aus den USA, nach der

„Menschen in der Lebensmitte doppelt so oft mit einer Unternehmensgründung erfolgreich sind wie 20- 34-Jährige“

Meine Mutter ist also eine Trendsetterin. Sie hat mit Ende 40 beschlossen, noch einmal von vorne anzufangen. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt und gearbeitet. Tag und Nacht. Sie hat meinen Sohn (ihr erstes und bisher einziges Enkelkind) kaum gesehen. Ich weiß nicht, wann sie das letzte Mal im Urlaub war. Sie hat Karriere gemacht. Mit Ende 40. Als Mutter von erwachsenen Kindern. Aber auch davor hat sie sich permanent neu erfunden. Sie ist nie stehengeblieben. Sie war immer neugierig, hat sich ausprobiert. Ihr Karriereweg war nicht gradlinig, aber es war einer. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar.

Dank ihr weiß ich, dass ich mit Anfang 30 noch alle Möglichkeiten habe Karriere zu machen. Mittlerweile arbeite ich Vollzeit für ein kanadisches Unternehmen. Ich bin ein großer Fan der Zeitverschiebung, weil ich trotz Arbeit, Zeit für Kind, Kita und Kinderkrankheiten habe.

Ich wünsche mir, dass wir beim Thema Karriere nicht mehr in der Leitermetapher denken sondern in Roadtrips. Man bekommt von jeder Station etwas mit und am Ende erzählt man eine phantastische Geschichte.