Fuck you Sahnebaiser

Ich checke ja momentan die Hochzeitsindustrie aus und bisher kommt ein stilistisches Element permanent vor: Es gibt DEN Tag, DAS Kleid und DEN Ring. Man merke: Der bestimmte Artikel gepaart mit Exclamatio-Charakter ist ein stilistischer Dauerbrenner. Anscheinend gibt es vor und nach dem Hochzeitstag kein nennenswertes Ereignis mehr. Dann kommt nur noch das Eigenheim und Sex, der in den Googlekalender eingetragen wird. Aber hey, vorher haben wir mal getanzt und waren ganz ausgelassen.

Und ja, die Klamottage darf danach auch getrost den Bach runtergehen. „Fliegerseide ahoi!“ Denn man bedenke, dass man einmal quasi einen Kleinwagen für ein Sahnebaiser mit Dupionseide und belgische Spitze ausgegeben hat. Ab dann muss wieder Adidas ran.

Auch die Laune der Liebsten dürfte sich vor der Hochzeit irgendwo auf dem Gefrierpunkt befunden haben, weil Frau sich wochenlang durch irgendwelche Fettverbrennungs-Diäten quält, um im „Traum aus weiß“ nicht wie „gepresste Wurst mit Spitze umhüllt“ auszusehen. Intelligentes Leben kann sehr seltsame Ausprägungen haben.

Bisher bin ich der Wahnvorstellung verfallen, einen einigermaßen ansehnlichen Körperbau zu besitzen. Gut, ich hätte mich über zusätzliche zehn Zentimeter zwar auch nicht beklagt, aber wozu hat der Markt den Frauen die Schuhindustrie gegeben? Und große Frauen haben’s ja auch nicht leicht. So ein Top-Modelleben, die reinste Qual. Danke Heidi!

Die Brautkleiderindustrie hat allerdings ganze Aufklärungsarbeit geleistet. Das Ergebnis: Ich bin ein Ersatzteillager, das nicht zusammenpasst. Meine Oberweite ist ungefähr so: Auf dem Körper eines neunjährigen Mädchens hat man Brüste geschraubt. Immerhin schicke Brüste, aber naja im Ganzen einfach zu schmal. Meine Taille ist vermutlich die „Problemzone“ von der ich immer in Frauenzeitschriften gelesen habe. Um es mit Zahlen auszudrücken: Sieben. Sieben Zentimeter fehlen mir zu einer mir passenden Couture. Das sind die sieben Zentimeter, die mich zu einem sehr netten und ausgewogenen Menschen machen. Ich nenne sie die Genuss-Zentimeter. Toll. Sollte jeder haben. Nur der Po, der darf genauso bleiben wie er ist. Der könnte Geld verdienen und einsam modeln gehen.

Soweit die Bestandsaufnahme.

Nachdem ich also sämtliche Hochzeitszeitschriften gewälzt, einige Blogs mit viel DIY und ja, sehr junge Dingern in sehr viel Sahnebaiser begutachtet hatte, war es Zeit für den Realitätscheck. Und der viel auf noni. Noni ist das Kölner Label von Johanne Bossmann und Judith Müller. Die beiden Designerinnen sind meine auserkorenen Gegenbewegung zum Sahnebaiser-Wahnsinn. Ihre Kleider sind schlicht und lassen mich im wunderbaren Schwebezustand zwischen festlich und ausgelassen. Hier kann ich mit meinem Sohnemann picknicken und mit dem Liebsten tanzen, ohne dass ich mich irgendwie verkleidet fühle.

Die Anprobe erfolgt im Soho House in Berlin. Die Kölnerinnen sind zum Love Bash hier und vergeben exklusive Termine an die heiratswillige Braut. Bisher haben sie in Berlin leider noch kein Geschäft gefunden, das zu Ihnen passt, also ist hier die einmalige Gelegenheit und laut Judith gab es einen regelrechten Ansturm. Ich sach’s ja: SCHLICHT!

Bild

Während ich mich von Judith anziehen lasse, grinst meine Schwester immer breiter. Mein Kopf wurde kurzerhand in ein Stück Stoff gesteckt, damit ich hier nicht aus Versehen alles ruiniere und ich sehe gerade alles andere, als festlich aus. Sei’s drum. Hier wird abgesteckt und angepasst, bis ich aussehe, als würde ich tatsächlich lieber Salat, als Pommes essen. Das war’s mit der Problemzone. Hah! Und auch meine klitzekleinen Vorurteile gegen Dupionseide muss ich leider revidieren: Der Stoff knistert und fällt traumhaft, er erinnert mich nicht an Softpornos mit Satinbettwäsche und drängt sich nicht nach vorn. Er macht genau das, was er soll: Er umspielt mich und legt sich gekonnt um die Taille. Naja, er könnte nochmal in ein Gespräch mit der Preislage einsteigen. Die ist nämlich verdammt hoch. Aber da meldet sich meine Oma im Hinterkopf, die mir was von Qualität und Preis erzählt, und ich bin ganz still.

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2 Gedanken zu “Fuck you Sahnebaiser

  1. Ah, Hochzeitsvorbereitungen, das erinnert mich an lange vergangene Zeiten! 🙂 Ich hab meine postnatalen Kilos vor fast zehn Jahren in ein passables Brautkleid gesteckt, das ich mir für 30 Euro bei ebay geschossen hab. Ich hatte entschieden nicht DIE Traumhochzeit. Heute würde ich vieles anders machen, was damals finanziell einfach nicht zur Debatte stand. Aber selbst wenn die Feier überwältigender gewesen wäre, sie hätte trotzdem nur einen Tag gedauert und wäre inzwischen doch auch fast zehn Jahre her. Die Kleiderfrage ist sicherlich eine große Sache, aber ich persönlich halte die Auswahl des Ehemanns für wichtiger. Der bleibt nämlich auch nach dem Fest, wenn das Kleid in einer Plastikfolie auf dem Dachboden dahindämmert… 😉

    (Der Ratschlag ist bestimmt überflüssig bei dir. Ich wünsch euch alles Gute!!)

    Viele Grüße,
    Lena

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