5

Warum Kinder KEINE Karrierekiller sind

Irgendwann habe ich aufgehört Artikel mit der Überschrift „Kind als Karrierekiller“ zu lesen. Diese wunderbaren journalistischen Erzeugnisse bedienen sich alle demselben Tenor: Hast du ein Kind, kannst du es mit der Karriere vergessen. Man zitiert munter Statistiken von DAX-Unternehmen, in denen die Frauenquote im Allgemeinen sehr düster, die Quote von Müttern quasi nicht messbar ist.

Und ja, es stimmt. Bisher gibt es fast keine glorreichen Beispiele von Manager-Müttern. Nur um Familienministerin zu werden, muss man mit einer „echten“ Familie aufwarten, sollte diese dann unter dem politischen Druck leiden, ist dies zwar bedauerlich, aber kein Grund frühzeitig das Handtuch zu werfen.

Als neuer Ausweg aus der Misere wird gerade überall die Selbstständigkeit beschworen. Die sogenannten Mompreneurs sind die neuen Helden. Es gibt kaum eine Zeitschrift, die dieses Thema nicht freudig aufnimmt. Die Selbstständigkeit als Retter der Karriere trotz Kind. Halleluja. 

Prinzipiell finde ich diese Entwicklung richtig. Erstens, weil endlich ÜERHAUPT darüber geredet wird, dass Mütter auch Karriere machen können bzw. wollen. Und zweitens, weil es ja tatsächlich so ist, dass, dem Internet sei dank, die Selbstständigkeit im Homeoffice mit Kind, Kita und Kinderkrankheiten möglich ist.

Trotzdem ist die Diskussion zu kurz gefasst. Es ist nämlich sehr wohl möglich, Karriere mit Kindern in einer Festanstellung zu machen. Nur, diese Karrieren orientieren sich meist nicht an dem klassischen Muster: Die Arbeitnehmerin bleibt im Unternehmen und arbeite sich über Zeit hoch, bis sie im oberen Management angekommen ist. Mit diesem Modell wirft die Geburt des Nachwuchses einen tatsächlich meist ordentlich zurück. Und während man mit der Aufzucht der Kinder beschäftigt ist, klettert der junge, dynamische Kollege von nebenan eine Stufe höher. Das Resultat dieses Karrierewegs ist bekannt: Abwarten. Viele Frauen warten lieber mit dem Nachwuchs. Sie machen erste Karriere und bekommen dann Kinder. Das Durchschnittsalter von Müttern bei der Geburt ihres ersten Kindes steigt stetig

Ich habe meinen Sohn mit 28 bekommen. Meine Karriere sah bis dahin so aus: Ein ziemlich guter Uniabschluss, ein Stipendium zur Promotion und eine freie Anstellung als Journalisten für einen Blog. Anders gesagt: Blutige Berufsanfängerin. Vermutlich bin ich mit unfassbarer Naivität gesegnet, aber mir ist nie in den Sinn gekommen, dass mein Kind ein Karrierekiller sein könnte.

Warum? Die Prägung war’s. Meine Mutter war 23 als ich geboren wurde. Sie war Krankenschwester, mein Vater Student. Heute ist sie Mitte Fünfzig und führt eine erfolgreiche Buchhandlung. (Jaja, die Selbstständigkeit…) Die aktuelle ZEIT (27.02.2913) greift diesen Trend der Spätgründung aktuell in ihrem Artikel „Da geht noch was“ auf, und zitiert eine Studie aus den USA, nach der

„Menschen in der Lebensmitte doppelt so oft mit einer Unternehmensgründung erfolgreich sind wie 20- 34-Jährige“

Meine Mutter ist also eine Trendsetterin. Sie hat mit Ende 40 beschlossen, noch einmal von vorne anzufangen. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt und gearbeitet. Tag und Nacht. Sie hat meinen Sohn (ihr erstes und bisher einziges Enkelkind) kaum gesehen. Ich weiß nicht, wann sie das letzte Mal im Urlaub war. Sie hat Karriere gemacht. Mit Ende 40. Als Mutter von erwachsenen Kindern. Aber auch davor hat sie sich permanent neu erfunden. Sie ist nie stehengeblieben. Sie war immer neugierig, hat sich ausprobiert. Ihr Karriereweg war nicht gradlinig, aber es war einer. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar.

Dank ihr weiß ich, dass ich mit Anfang 30 noch alle Möglichkeiten habe Karriere zu machen. Mittlerweile arbeite ich Vollzeit für ein kanadisches Unternehmen. Ich bin ein großer Fan der Zeitverschiebung, weil ich trotz Arbeit, Zeit für Kind, Kita und Kinderkrankheiten habe.

Ich wünsche mir, dass wir beim Thema Karriere nicht mehr in der Leitermetapher denken sondern in Roadtrips. Man bekommt von jeder Station etwas mit und am Ende erzählt man eine phantastische Geschichte.  

Advertisements
2

Fuck you Sahnebaiser

Ich checke ja momentan die Hochzeitsindustrie aus und bisher kommt ein stilistisches Element permanent vor: Es gibt DEN Tag, DAS Kleid und DEN Ring. Man merke: Der bestimmte Artikel gepaart mit Exclamatio-Charakter ist ein stilistischer Dauerbrenner. Anscheinend gibt es vor und nach dem Hochzeitstag kein nennenswertes Ereignis mehr. Dann kommt nur noch das Eigenheim und Sex, der in den Googlekalender eingetragen wird. Aber hey, vorher haben wir mal getanzt und waren ganz ausgelassen.

Und ja, die Klamottage darf danach auch getrost den Bach runtergehen. „Fliegerseide ahoi!“ Denn man bedenke, dass man einmal quasi einen Kleinwagen für ein Sahnebaiser mit Dupionseide und belgische Spitze ausgegeben hat. Ab dann muss wieder Adidas ran.

Auch die Laune der Liebsten dürfte sich vor der Hochzeit irgendwo auf dem Gefrierpunkt befunden haben, weil Frau sich wochenlang durch irgendwelche Fettverbrennungs-Diäten quält, um im „Traum aus weiß“ nicht wie „gepresste Wurst mit Spitze umhüllt“ auszusehen. Intelligentes Leben kann sehr seltsame Ausprägungen haben.

Bisher bin ich der Wahnvorstellung verfallen, einen einigermaßen ansehnlichen Körperbau zu besitzen. Gut, ich hätte mich über zusätzliche zehn Zentimeter zwar auch nicht beklagt, aber wozu hat der Markt den Frauen die Schuhindustrie gegeben? Und große Frauen haben’s ja auch nicht leicht. So ein Top-Modelleben, die reinste Qual. Danke Heidi!

Die Brautkleiderindustrie hat allerdings ganze Aufklärungsarbeit geleistet. Das Ergebnis: Ich bin ein Ersatzteillager, das nicht zusammenpasst. Meine Oberweite ist ungefähr so: Auf dem Körper eines neunjährigen Mädchens hat man Brüste geschraubt. Immerhin schicke Brüste, aber naja im Ganzen einfach zu schmal. Meine Taille ist vermutlich die „Problemzone“ von der ich immer in Frauenzeitschriften gelesen habe. Um es mit Zahlen auszudrücken: Sieben. Sieben Zentimeter fehlen mir zu einer mir passenden Couture. Das sind die sieben Zentimeter, die mich zu einem sehr netten und ausgewogenen Menschen machen. Ich nenne sie die Genuss-Zentimeter. Toll. Sollte jeder haben. Nur der Po, der darf genauso bleiben wie er ist. Der könnte Geld verdienen und einsam modeln gehen.

Soweit die Bestandsaufnahme.

Nachdem ich also sämtliche Hochzeitszeitschriften gewälzt, einige Blogs mit viel DIY und ja, sehr junge Dingern in sehr viel Sahnebaiser begutachtet hatte, war es Zeit für den Realitätscheck. Und der viel auf noni. Noni ist das Kölner Label von Johanne Bossmann und Judith Müller. Die beiden Designerinnen sind meine auserkorenen Gegenbewegung zum Sahnebaiser-Wahnsinn. Ihre Kleider sind schlicht und lassen mich im wunderbaren Schwebezustand zwischen festlich und ausgelassen. Hier kann ich mit meinem Sohnemann picknicken und mit dem Liebsten tanzen, ohne dass ich mich irgendwie verkleidet fühle.

Die Anprobe erfolgt im Soho House in Berlin. Die Kölnerinnen sind zum Love Bash hier und vergeben exklusive Termine an die heiratswillige Braut. Bisher haben sie in Berlin leider noch kein Geschäft gefunden, das zu Ihnen passt, also ist hier die einmalige Gelegenheit und laut Judith gab es einen regelrechten Ansturm. Ich sach’s ja: SCHLICHT!

Bild

Während ich mich von Judith anziehen lasse, grinst meine Schwester immer breiter. Mein Kopf wurde kurzerhand in ein Stück Stoff gesteckt, damit ich hier nicht aus Versehen alles ruiniere und ich sehe gerade alles andere, als festlich aus. Sei’s drum. Hier wird abgesteckt und angepasst, bis ich aussehe, als würde ich tatsächlich lieber Salat, als Pommes essen. Das war’s mit der Problemzone. Hah! Und auch meine klitzekleinen Vorurteile gegen Dupionseide muss ich leider revidieren: Der Stoff knistert und fällt traumhaft, er erinnert mich nicht an Softpornos mit Satinbettwäsche und drängt sich nicht nach vorn. Er macht genau das, was er soll: Er umspielt mich und legt sich gekonnt um die Taille. Naja, er könnte nochmal in ein Gespräch mit der Preislage einsteigen. Die ist nämlich verdammt hoch. Aber da meldet sich meine Oma im Hinterkopf, die mir was von Qualität und Preis erzählt, und ich bin ganz still.