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Der Handwerker und die Erziehungsfrage

Es ist 7.30 Uhr. Ich träume nicht kindgerechte Dinge und drehe mich lächelnd zu Moritz. Es ist Freitag morgen und ich werde das gesamte Wochenende um Punkt 7 Uhr von „Mama kannst du mir das Feuerwehrauto holen“ Aufforderungen geweckt werden. Aber das ist mir egal. Denn ich habe diesen Morgen, an dem mein Wecker um 8.30 Uhr klingeln wird und ich auf die Snooze Taste drücken werde, bis Moritz mit einem Café am Bett erscheint.

„Brrrr“ ich schaue Moritz an. „Das ist der Handwerker“ meine Stimme hat einen leicht panischen Ton. „Hör weg“ Moritz legt mir die Hand über die Ohren. „Brrrr“ mein Handy klingelt. Anscheinend ist dem Handwerker endlich meine Handynummer eingefallen. Die er  zu Zeiten, in denen ich nicht im Bett liege, nicht benutzt. Ich drücke den Ton weg. „Hast du einen Termin ausgemacht?“ frage ich Moritz. Ich bin jetzt wach, schlecht gelaunt und in Vorwurfslaune. „Natürlich nicht. Du hattest doch am Dienstag nen Termin ausgemacht. Heute ist Donnerstag.“ Moritz zieht mir die Decke über den Kopf. „Brrr“, aha die Festnetznummer kennt er auch. Der Anrufbeantworter springt an. „Ja, also ick steh hier mit ihrer Duschkabine vor dem Haus.“ Seit zwei Monaten setzen wir das Bad unter Wasser. Wir hatten bisher drei Versuche die richtige Duschkabine geliefert zu bekommen. (Seitdem empfinde ich Normgrößen als Gottesgeschenk). Wir hatten ca. 20 Termine, KEINER wurde eingehalten. Meine Toleranzgrenze ist seit dem 11 nicht wahrgenommenem Termin bereits überschritten. Sobald ich das Wort Handwerker höre, atme ich wie eine Hochschwangere geräuschvoll ein und aus. Moritz hält mich fest. „Wir müssen sie erziehen. Du stehst jetzt nicht auf.“

Wir hatten mal einen Hund, der immer weggelaufen ist. Meine Mutter hat alles versucht. Hundetrainer, Bestechungen, Selbsthilfegruppen. Es funktionierte nicht. „Da hilft nur ein Elektrohalsband“ meinte der Trainer. Meine Mutter weinte und ließ den Hund laufen. Ich glaube, mit Handwerkern ist es ähnlich, nehme mir aber vor später nach „Erziehen ihres Handwerkers leicht gemacht“ Ratgeberbüchern zu suchen. Da ich wach und schlecht gelaunt bin, beschließe ich aufzustehen. Kaum bin ich unten, klopft es gegen die Scheibe. Ich drehe mich äußerst spärlich bekleidet zu dem winkenden Mann um. „Ick habe ihre Duschkabine“ brüllt er durch das Fenster. Jetzt sind die Nachbarn über diesen Tatbestand auch informiert. Ich lasse ihn rein. „Hatten wir nicht für Dienstag einen Termin ausgemacht?“ Im Zweifel für den Angeklagten. „Fragen Sie mich nicht. Ich bin mit meinen Terminen vollkommen durcheinander.“ Er stapft nach oben, Richtung Bad, in dem Moritz gerade duscht. „Halt, da können Sie nicht rein“ da duscht jemand.“ Na junge Frau, wie soll ich denn dann ihre Duschkabine  auswechseln.“ Ich reiße die Tür zum Badezimmer aus, stoße den Handwerker in das Kinderzimmer und brülle Moritz an „Du musst sofort aus der Dusche kommen der Handwerker ist da.“ Nach diesem heldenhaften Einsatz, setze ich mich aufs Bett und trinke meinen Café. Moritz kommt aus dem Bad. „Sag mal spinnst du eigentlich mich so anzuschreien?“ Da stehen wir. Der eine nackt, die andere mit Tränen und schreien uns an. Der Handwerker guckt kurz rein, um uns mitzuteilen, dass er seinen Werkzeugkasten im Wedding vergessen hat und in zwei Stunden wieder da ist.

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Fuck Altbauwohnung, wir sind jetzt Spießer

Berlin heißt Altbauwohnung auf über 100 qm. Dielen, die knarzen, Flügeltüren und Stuck, der porös an der Decke hängt. Alternativ wäre da noch das Loft, das man sich in eine Fabriketage einbaut. Hier wird dann getrunken, geraucht und gevögelt. Und bevor man die Laken vors Fenster hängt, weil der Morgen doch recht hell ist, geht’s noch schnell zu Curry 36, ne Wurst essen.

Soweit so normal. Sobald die Kids da sind, versucht man diese locker in das bisherige Setting einzubauen. Die Bierflaschen kommen ins Altglas (gibt’s tatsächlich), die Dielen  werden von Babysabber eingespeichelt und das Vögeln, naja… Harte Realitäten, die man bisher bei jedem Besuch der Eltern verneint hat, brechen über das neue Familienleben herrein: Diese Hauptstrasse, von der immer alle reden, ist tatsächlich recht laut. Und wieso präsentieren sich Hundescheiße, Kippen und Kornkorken auf jedem Quadratmeter Grünfläche in Berlin als die hohe Dreifaltigkeit.

Weil man dem Kind aber auch die Natur in der Stadt zeigen will, („Berlin hat ja unfassbar viele Grünflachen“)  sucht man also mit Babydecke und Feuchttüchern bewaffnet eine einigermaßen akzeptable Naturfläche und breitet alles aus. Das Kind zupft fröhlich am urinierten Gras, während man sich in Relaxen übt. (Ich glaube an eine direkten Korrelation zu Hundescheiße und Yoga-Kursen). Später, wenn der Nachwuchs genug Erde in sich reingestopft hat (Dreck reinigt den Magen), packt man die Sachen ein, macht noch einen kurzen Abstecher auf dem Spielplatz (wo man das Wunder von Überbevölkerung life miterleben darf) und kommt dann vollkommen erledigt in seine Altbauwohnung. Dort geht man als erstes auf den eigentlich ziemlich heißen Nachbarn los und teilt diesem mit, dass er  ab 20 Uhr seine Anlage nicht mehr voll aufdrehen muss. „Es gibt auch Leute, die Kinder haben.“ Spätestens dann erscheint einem die Vorstellung eines eigenen Gartens als die Inkarnation der Glückseligkeit. Jetzt muss man also nur noch ein Haus finden, das mitten in Berlin ist (also hübsch im Ring) und einen Garten hat. Is klar. Kriegen wir hin, wir sind schließlich jetzt Spießer.

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Before Midnight: Eine Hommage an das Leben

Die Hitze legt sich über die Stadt und lässt Berlin flirren. Alles passier in Slow Motion und der Geruch nach geschmolzenem Eis klebt an Kinderarmen. Nur das Kino zeigt sich vom Sommer unbeeindruckt. Es ist kühl und wir drücken unsere nackten Beine in die Polstersessel. Ole ist heute nicht da und so sitzen Moritz und ich im York Kino und schauen den dritten Teil der einzig wahren Liebesgeschichte unserer Generation.
Die anderen Teile „Before Sunrise“ (das Kennenlernen und Verlieren) und „Before Sunset“ (das Wiederfinden) waren die Absolution des Kinos an meinen Lebensstil. Before Midnight feiert nun das Leben und hällt sich nicht länger mit Liebesschwüren auf. „Nicht die Liebe zu einem anderen Menschen zählt, sondern die Liebe zum Leben.“
Für ihn ist es der zweite Versuch. Sein Scheitern ist wie die Anstandsdame, die sich immer wieder in das Leben der beiden einschaltet und die Leichtigkeit zerschlägt. Er verabschiedet seinen Sohn am Flughafen. Ein Zuschauer im Leben seines Sohnes, das sich an einem anderen Teil der Welt abspielt. Sie wünscht sich wieder denken zu können, ohne Kinderfüße, die trabbeln. „Jetzt weiß ich warum Sylvia Plath ihren Kopf in den Toaster gesteckt hat.“ „Es war kein Toaster, es war ein Ofen.“ Und dazwischen der Sex, „Küsschen, Küsschen, Titte, Titte, MUSCHI“
Hätte ich das Zeug zum Groupie, ich würde vor dem Haus von Richard Linklater campen und Moritz würde mir Caffé vorbeibringen.

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Zeitmanagement oder warum ich unseren Familienplaner liebe

Ich war mal spontan. Vor sehr langer Zeit. Bevor der Taktungs-Wahnsinn anfing. Freunde riefen an, wenn sie übers Wochenende „aus dieser verdammten Stadt“ rauswollten, Bekannte klingelten an meiner Tür, um mich in den nächsten Biergarten zu schleppen. Verlassene zogen für ein paar Tage bei mir ein und leerten meine Weinflaschen. Mein Planungshorizont umfasste acht Stunden. Das erschien mir vorausschauend genug.

Heute kann ich mit Sicherheit sagen, was ich am 23. März 2015 mache. Ich werde zwischen 6.30 und 7.30 aufstehen, mein Kind anziehen, Caffé machen, um 8.30 zur Kita fahren. Dann schalte ich in den Karrieremodus und versuche Verlage auf das eBook vorzubereiten. (obwohl ich gedruckte Bücher auch nicht übel finde) Um Punkt 15.45 Uhr stehe ich dann wieder an der Kita; jetzt als Vollblutmama. Um 20 Uhr schläft Ole seelig ein und ich setzte mich mit Wein aufs Sofa neben Moritz, womit der Geliebte- und beste Freundinnenteil des Tages beginnt. Ausnahmen sind jedes zweite Wochenende und Donnerstags. Da ist Ole bei seinem Papa und ich für 72 oder 48 Stunden wieder spontan, was bei mir dazu führt, dass ich völlig überfordert zuhause bin und keine Ahnung habe, was ich mit dieser ganzen Zeit eigentlich anfangen soll.

In unserer Küche hängt ein „Familienplaner“, in dem die Zeiten aufgeteilt sind. Die Zeiten sind die Basis. Werden diese umgestoßen kommt es zu Panik. Dann laufen wir wie Zootiere wild durch die Gegend, brüllen rum und wollen unseren Käfig zurückhaben. Der Mensch braucht anscheinend Routinen, meine sind der Familienplaner. Alternativ gibt es auch einen Googlekalender den ich mir mit Mark und Moritz teile. Die digitale Boheme muss auch hier verteidigt werden.

Am Anfang habe ich den Familienplaner ignoriert. Er repräsentierte mein Scheitern. Die verschiedenen Spalten zeigten mir jeden Tag, dass Ole zwischen zwei Welten leben musste, weil Mark und ich leider nicht füreinander gemacht waren und das WG Leben sich als noch größeres Desaster herausstellte, als die Beziehung je war. Jetzt liebe ich meinen Planer, er sagt mir, wann ich Zeit mit Ole habe und wann ich wieder mit Freunden raus gehen darf, mich sinnlos betrinke und mein Büro an den Schlachtensee lege. Er ist mein Verbündeter, wenn das Leben zuschlägt. Er sagt mir, dass es weitergeht. In Spalten, mit dem Leben und dem Patchwork.